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In dieser Bibliothek wird nicht geflüstert. Mach den Ton an für ein optimales Erlebnis!

Hörst du das? Diese Stille. Sie könnte friedlich sein, wäre sie nicht so tragisch. Sie gehört nicht an diesen Ort. Diese Bibliothek war einst das Herz der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Nun ist nicht mehr übrig als die Fassade des Gebäudes. Die Bücher: geraubt oder gerettet? Die Studenten: deportiert oder davongekommen? Ihre Geschichte: noch lange nicht auserzählt. Aber fangen wir von vorn an.

Auf Bücher suche ? Hier entlang

Kapitel 1

Wir befinden uns in der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Diese Bibliothek ist kein Ort des Flüsterns. Sie ist ein Ort spannender Debatten, berüchtigter Feste und des, nun ja, Eklats um eine Mittagsstulle. Ihre Hochschule ist kein Ort des Stillstands. Sie bringt die Entwicklung des modernen, liberalen Judentums in Deutschland entscheidend voran. Weg vom „So war es schon immer“, hin zu einem individuellen Zugang zur jüdischen Tradition. Hier kann eine Frau zur Rabbinerin ausgebildet werden. Oder in der Bibliothek den Ton angeben. Auch hier gibt es Männer, denen das nicht gefallen mag. Aber bevor wir in die Gerüchteküche hinabsteigen, bleiben wir noch etwas in der Bibliothek.

Das Herz der Hochschule

Wenn du verstehen willst, was diese Bibliothek den Dozenten und Studierenden bedeutet, dann müssen wir das Unvorstellbare wagen und ruhig durchatmen: Vergessen wir für einen Moment das Internet. Schon erklärt sich, warum Gelehrte und Studierende so versessen auf Bücher sind: Sie sind gebündeltes Wissen und eine Möglichkeit zum intellektuellen Schlagabtausch. Ohne Bücher, kein Studium, keine Forschung. Und ohne die Hochschulbibliothek? Gibt es fast kein Herankommen an Bücher.

Es sei denn natürlich, man ist vermögend und leistet sich eine Privatbibliothek. Aber wir reden hier von Studierenden – wie der junge Leo Baeck beispielsweise, der am Ende des Abends Kerzenwachs aus Berliner Cafés stibitzte, um zu Hause eine Lichtquelle zu haben. Öffentlich zugängliche Bibliotheken werden erst in den 1870ern allmählich eingerichtet. Zur Gründung der Hochschule 1872 herrscht in Preußen noch absoluter Büchermangel.

Studentisch leben? Für Leo Baeck hieß das, „kreativ“ werden:

„Den Baeckschen Vermögensverhältnissen entsprechend war Leo Baeck als Student immer in Geldnöten. Sein Berliner Universitätsstudium finanzierte er mit einem Stipendium der Mendelssohn-Stiftung. Zeitweilig beneidete Baeck andere Studenten, die Geld genug hatten, um sich die Bücher kaufen zu können, die sie lesen wollten, während er immer warten mußte, bis die Bücher in einer Bibliothek zur Verfügung standen. Manche Berliner Cafés waren zu seiner Zeit noch sehr großzügig mit ihren Brötchen, die für Baeck zu einem Grundnahrungsmittel wurden. Die Cafés waren damals mit Kerzen beleuchtet, und Leo Baeck „befreite“ sie (wie er es selbst ausdrückte) von ihren erstarrten Wachstropfen, um sich daraus Kerzen für seine Behausung zu machen“ (Leonhard Baker, 1982).

Auch die Bibliothek der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums muss sich mit Buchspenden und -geschenken behelfen. Mit der Zeit enthält die Bibliothek viele seltene und wertvolle Bücher, Manuskripte und weitere Materialien zur Erforschung der jüdischen Geschichte, Kultur und Religion.

Sie wächst zu einer der größten und wichtigsten jüdischen Bibliotheken weltweit – mit einem Bestand von etwa 60.000 Büchern.

Lesende in der Bibliothek der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums

Stillarbeit... ein dehnbarer Begriff

Für dich hat die Bibliothek jederzeit geöffnet. Schauen wir mal rein! Dazu begeben wir uns in den vierten Stock der Hochschule. Leise sein, müssen wir nicht. Die Tür zum Lesesaal fällt so schwer ins Schloss, dass wir uns sowieso lautstark ankündigen. Aber keine Sorge, das Bibliothekspersonal wird es uns nicht übelnehmen. Es hält selbst zu gern Schwätzchen mit den Studierenden. Der Lesesaal ist eben auch ein sozialer Treffpunkt. Aber hier werden nicht nur Reden geschwungen, sondern auch das Tanzbein. An manchen Tagen möchte man meinen, die Einrichtung wäre mehr zum Feiern ausgelegt, als zum Studieren …

Platz gibt es auf jeden Fall genug in den Bibliotheksräumlichkeiten: 100 qm für das Büchermagazin? , dazu ein Verwaltungs- und Ausleihzimmer. Im Lesesaal können etwa 50 Personen gleichzeitig in Nachschlagewerken und aktuellen Ausgaben von Zeitschriften stöbern.

Wer die Hand ehrfürchtig über ein paar Buchrücken streifen möchte, wird allerdings enttäuscht: Bis in die 1950er Jahre ist es in Deutschland üblich, die Bücher per Katalog auszusuchen und sich vom Bibliothekspersonal in den Lesesaal bringen zu lassen.

Bibliotheken sind dein zweites Zuhause? Dann zeigen wir dir, wie du bei deinem nächsten Besuch wahre Schätze entdecken kannst.

Nimm hier die
Abkürzung

Studierende brüten über Büchern

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Sachgebiete

  • Biblische Wissenschaften
    (einschl. hebräischer Grammatik und Lexikographie)
  • Halachisch-midraschische? Literatur
  • Literatur des Judentums
  • Geschichte des Judentums
  • Moderne Judenfrage
  • Neuhebräische Literatur
  • Orientalia?
  • Philosophie
  • Religionsgeschichte
  • Pädagogik
  • Allgemeines Christentum
  • Systematik
  • Christentum Geschichte
  • Praktische Theologie
  • Geographie
  • Belletristik?
  • Schul- und Verwaltungsberichte
  • Protokolle
  • Jahrbücher
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Sprachen

  • Deutsch
  • Englisch
  • Hebräisch
  • Lateinisch
  • Griechisch
  • Französisch
  • Aramäisch?
  • Arabisch
  • Ungarisch
  • Italienisch

Vom Lesesall zum Festsaal

Im Handumdrehen sind die Tische beiseitegeschoben und die Tanzfläche ist eröffnet – äußerst praktisch für alle, die zum Feiern gekommen sind. Und nun zur schlechten Nachricht: Damit sich der Lesesaal so schnell zum Festsaal umbauen lässt, verzichtet die Bibliothek auf Leselampen auf den Tischen. Und so kommt das einzige Licht von den Hängeleuchten an der Decke – samt Schatten der Lesenden, die sich auf die Lektüre werfen …

Nathan Peter Levinson, einer der letzten Studenten der Hochschule, mit Tanzpartnerin

Ernst Grumach

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Und du in der Bibliothek?

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*eye roll*

Auch an ganz normalen Tagen scheidet die Lautstärke der Bibliothek die Geister. Anfang 1940 wird sich der Dozent Ernst Grumach beschweren:

„Durch jahrelange Gewohnheit ist hier ein solcher Missstand eingerissen, dass es mir wenigstens völlig unmöglich ist, im Lesesaal zu arbeiten, und ich weiss, dass alle unserer ernsthafteren Hörer ebenso denken. […] Eine Einhaltung dieser Forderung können wir allerdings von der Hörerschaft nur verlangen, wenn sich auch das Bibliothekspersonal nach ihr richtet und nicht mit bösem Beispiel vorangeht. Wir leiden nun einmal darunter, dass sich der Leihverkehr aus technischen Gründen im Lesesaal abspielen muss, was nur tragbar ist, wenn sich die im Lesesaal geführten Gespräche ausschliesslich auf diesen beziehen und im Flüsterton erledigt werden. Alle privaten und dienstlichen Unterhaltungen müssen in dem hinter der Ausleihe befindlichen Raum stattfinden und, ebenso wie die Telephongespräche, bei geschlossener Türe.”

Eine frau hat hier das sagen

Zum Bibliothekspersonal, das laut Dozent Grumach „mit bösem Beispiel vorangeht“, zählt natürlich auch die Leiterin der Bibliothek, Jenny Wilde. Als Frau zu dieser Zeit können wir es ihr aber auch nicht verübeln, oder? Sie muss einfach von sich hören machen, um überhaupt Bibliothekarin zu werden. Neben ihrer fachlichen Kompetenz sticht sie auch als gute Seele der Hochschule hervor.

Jenny Wilde und ihre Kolleginnen und Kollegen an der Ausleihtheke der Bibliothek der Hochschule

Jenny Wilde gehört zur ersten Generation professioneller Bibliothekarinnen und Bibliothekare in Deutschland. Die Ur-Berlinerin möchte arbeiten, ihre Möglichkeiten sind jedoch begrenzt. Weil sie eine Frau ist. Aber auch, weil sie schwerhörig ist. Ihre erste Arbeit findet sie bei Salomon Neumann, der zu den Gründern der Hochschule gehört.

Man sagt ihm eine eher derbe Ausdrucksweise nach. Auch sei er selten mit der Ordnung und Verwaltung seiner Privatbibliothek zufrieden. Jenny Wilde scheint ihre Arbeit gut zu machen.

Bis zu seinem Tod verwaltet sie seine Sammlung und wechselt 1910 an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums.

Jenny Wilde freundet sich mit Leo Baeck an, der gern zu einem Schwätzchen in der Bibliothek vorbeischaut. Aber auch für Studierende hat sie immer ein offenes Ohr, bleibt mit vielen sogar jahrzehntelang im Briefkontakt. In den 20er-Jahren übernimmt Jenny Wilde die Leitung der Bibliothek. Und ist damit wahrscheinlich die erste Frau überhaupt in Deutschland, die eine wissenschaftliche Bibliothek leitet.

Pssst...

Hör dich mal um … die Bibliothekarin gilt als Studentenmutter der Hochschule. Aber als Frau muss sie sich auch fortwährend behaupten. Ein Zitat ihres studentischen Hilfsarbeiters Fritz Bamberger spricht Bände über die Sicht eines Mannes in einer Welt, die von Männern dominiert wird:

Ausleihquittungen der Bibliothek:
„Aus der Bibliothek der Lehranstalt habe ich erhalten: …“

„Jenny Wilde was no shining light as a scientific librarian. It was almost touching how hard she tried to cover up her professional weaknesses, She never conceded not knowing a book. She made us believe that she had read them all, including those non-existing ones whose titles we dreamed up. But hers was a warm and motherly heart. Her instinct told her when one of the students was in need. She knew how to win confidence and give aid – counsel, food, money, everything to an aspiring young man without humiliating him.“ – Student Fritz Bamberger

An dieser Stelle ist es spannend, zu erwähnen, dass eben jener Fritz Bamberger in seiner Freizeit Mitglied in der Berliner Bibliophilen-Vereinigung? ist. Ein Verein, der während seines gesamten Bestehens per Satzung keine Frauen aufnehmen wird. Selbst Jenny Wildes Freund Heinrich Loewe spricht nicht immer wertschätzend von der Bibliothekarin. Genau genommen spricht er ihr ihre Kompetenz ab, behauptet, sie habe sich bei ihm Rat in bibliothekarischen Dingen geholt.

Bevor es Bibliothekarinnen und Bibliothekare gab, wurde ihre Arbeit von Professoren nebenbei durchgeführt. Nur ist das Bibliothekswesen komplexer geworden und speziell ausgebildete Personen sind erforderlich.

Das mag ein männliches Ego kränken. Aber zum Glück lässt Jenny Wilde sich davon nicht beeindrucken und vertraut auf diejenige, die sie wirklich weiterbringt: ihre Professionalität. Denn Jenny Wilde ist mehr als die Summe ihrer Freundlichkeit. Sie ist eine ausgezeichnete Bibliothekarin mit Ambitionen.

Tauchen Bücher im Bibliothekskatalog nicht auf, können sie nicht ausgeliehen werden. Entscheidend ist jedoch das System. Jenny Wilde und ihr Kollegium orientieren sich an den sogenannten “Preußischen Instruktionen“? . Das standardisierte System macht den Austausch mit anderen Bibliotheken möglich. Anders gesagt: Die Katalogisierung der Bibliothek ist State of The Art, weltoffen und erleichtert Studierenden weltweit die Ausleihe.

Hefte dich an Jenny Wildes Fersen und finde auch heute noch ihre Handschrift in vergessen geglaubten Büchern.

Hier geht's direkt zur Büchersuche

Ein exklusives Phänomen der Bibliothek der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums sind sogenannte „Bücherschwänze“. Viele der Bücher sind so schmal, dass ein Rückenschildchen sich nicht anbringen lässt.

Und so wird kurzerhand hinten ins Buch ein Papierstreifen eingeklebt, auf den die Signatur kommt. Psst … solche kreativen Eigenheiten werden später noch wichtig.

Die Gerüchteküche

Wo viel geschwatzt wird, da spricht sich einiges herum. Auch ein gewisser Franz Kafka soll hier und da für Aufregung gesorgt haben. Schon davon gehört?

„Die Hochschule ist für mich ein Friedensort in dem wilden Berlin und in den wilden Gegenden des Innern. (Gerade werde ich nach meinem Zustand gefragt und kann vom Kopf nichts sagen, als daß er ‚löwenmäßig frisiert‘ ist.) Ein ganzes Haus schöne Hörsäle, große Bibliothek, Frieden, gut geheizt, wenig Schüler und alles umsonst. Freilich bin ich kein ordentlicher Hörer, bin nur in der Präparandie? und dort nur bei einem Lehrer und bei diesem nur wenig, so daß sich schließlich alle Pracht wieder fast verflüchtigt, aber wenn ich auch kein Schüler bin, die Schule besteht und ist schön und ist im Grunde gar nicht schön, sondern eher merkwürdig bis zum Grotesken und darüber hinaus bis zum unfaßbar Zarten (nämlich das Liberalreformerische, das Wissenschaftliche des Ganzen.)“

Postkarte von Kafka an Robert Klopstock, Dezember 1923

In der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums werden Studierende zum Hinterfragen und Weiterdenken ermutigt. Das nimmt sich augenscheinlich auch Gasthörer Franz Kafka zu Herzen. Besondere Aufmerksamkeit bekommt seine vermeintliche Dreistigkeit, sich an den Stammplatz eines Gelehrten zu setzen, der dort genüsslich seine Mittagsstulle zu verzehren pflegt – samt Harzer Käse? .

Ist Kafka vor Ort, wählt er genau diesen Platz. Denn: Was will der Professor machen? In der Bibliothek ist Essen ja eigentlich streng verboten … das wäre dann wohl einer der wenigen Proteste, der in der Bibliothek ganz leise von statten ging.

Aber Kafka kommt natürlich nicht nur, um Generationenkonflikte zu befeuern. Manchmal auch, um sich aufzuwärmen…

Neugier ist Willkommen

Okay, Klatsch und Tratsch macht einfach Spaß – von sich reden macht die Bibliothek aber vor allem als enormer Wissensspeicher für die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Die Hochschule selbst steht für eine moderne Strömung des Judentums. Und – auch wenn es so klingen mag – das ist kein Nischenthema. Es geht darum, im Judentum universelle Werte zu finden, die Menschen auf der ganzen Welt zueinander bringen.

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Persönliche Freiheit

Individualität

Gesellschaftliche

Verantwortung

Im Gegensatz zu anderen Strömungen des Judentums legt das liberale Judentum weniger Wert auf traditionelle Praktiken und Rituale. Viel wichtiger sind persönliche Freiheit, Autonomie? und die kritische Erforschung des Judentums. Jeder und jede darf die jüdische Tradition individuell interpretieren und eigene Ausdrucksformen finden. Die liberale jüdische Gemeinschaft in Deutschland steht gesellschaftlichen Veränderungen offen gegenüber.

Professoren der Hochschule beschäftigen sich mit Fragen wie „Was ist ethisch richtiges Verhalten?“ und „Warum soll der Mensch gut sein?“ Die erste Rabbinerin weltweit, Regina Jonas , studiert in Berlin und schreibt ihre Abschlussarbeit zum Thema „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ Sie selbst ist wohl der beste Beweis.

Prof. Dr. Daniel Schwartz fasst den Charakter der Hochschule 2023 in Abgrenzung zu anderen Institutionen zusammen:

„Well, some of those other places, they deal in history. Some of those other places, they deal in Jewish Law […], but we, we deal in ethics and in philosophy which are both universal. So we’re not dealing so much with the Jewish past and we’re not dealing so much with the Jewish Life as Jews as defined by Jewish. We’re talking about what Judaism has to say about universal ethics, universal philosophy.“

Basierend auf jüdischen Traditionen will die Hochschule also vielmehr zu universellen Ideen beitragen, die Menschen auf aller Welt näher zusammenbringen.

Im Gegensatz zu anderen Strömungen des Judentums legt das liberale Judentum weniger Wert auf traditionelle Praktiken und Rituale. Viel wichtiger sind persönliche Freiheit, Autonomie? und die kritische Erforschung des Judentums. Jeder und jede darf die jüdische Tradition individuell interpretieren und eigene Ausdrucksformen finden. Die liberale jüdische Gemeinschaft in Deutschland steht gesellschaftlichen Veränderungen offen gegenüber.

Professoren der Hochschule beschäftigen sich mit Fragen wie „Was ist ethisch richtiges Verhalten?“ und „Warum soll der Mensch gut sein?“ Die erste Rabbinerin weltweit, Regina Jonas , studiert in Berlin und schreibt ihre Abschlussarbeit zum Thema „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ Sie selbst ist wohl der beste Beweis.

Prof. Dr. Daniel Schwartz fasst den Charakter der Hochschule 2023 in Abgrenzung zu anderen Institutionen zusammen:

„Well, some of those other places, they deal in history. Some of those other places, they deal in Jewish Law […], but we, we deal in ethics and in philosophy which are both universal. So we’re not dealing so much with the Jewish past and we’re not dealing so much with the Jewish Life as Jews as defined by Jewish. We’re talking about what Judaism has to say about universal ethics, universal philosophy.“

Basierend auf jüdischen Traditionen will die Hochschule also vielmehr zu universellen Ideen beitragen, die Menschen auf aller Welt näher zusammenbringen.

Eine Hochschule für die Wissenschaft des Judentums

I st diese Ausrichtung nicht sehr speziell? Das hätten die Gründer anfangs vielleicht sogar bejaht. Doch 1872 gab es für jüdische Wissenschaften keinen Platz an deutschen Universitäten.

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Verzeichnis der Wohltäterinnen und Wohltäter. Eine Liste der Menschen, die 1897 mit ihren Spenden dafür gesorgt haben, dass die Hochschule für die Wisschenschaft des Judentums Unterricht anbieten kann

Katholische oder protestantische Theologie wird an den Universitäten zwar gelehrt, die Auseinandersetzung mit jüdischen Studien lassen die nicht-jüdischen Akademiker jedoch nicht zu. Die Gründung der außer-universitären Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ist also gewissermaßen eine Notwehrmaßnahme. Im Gegensatz zu den staatlich getragenen christlichen Lehrseminaren ist sie auf private Spenden angewiesen. Die Mühe lohnt sich, das Konzept entfaltet eine Sogkraft: Menschen aus ganz Europa kommen nach Berlin, um hier zu studieren. Als private Institution kann sich die Hochschule immerhin auch frei machen von staatlichen Auflagen und ganz ihrem eigenen Verständnis folgen.

Dozent Ismar Elbogen fasst das Gründungsverständnis zum 50-jährigen Jubiläum der Hochschule zusammen. Und es zeigt sich: Hier geht es um mehr als eine jüdische Gemeinschaft. Hier geht es um weltweite Verständigung und Annäherung:

„Durch wissenschaftliche Arbeit in erster Reihe werden die Gegensätze innerhalb der Völker gemildert, werden Brücken von Volk zu Volk geschlagen werden. An dieser messianischen Aufgabe kann und soll unsere Hochschule, wenn sie das jüdische Geistesleben der Jahrtausende zur Darstellung bringt und es würdig fortsetzt, tätig teilnehmen.“

Ismar Elbogen macht einen Ausflug mit seinen Studierenden

Offenheit als Maxime

An der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums können Studierende sich zu Rabbinern ausbilden lassen oder, unabhängig davon, das Judentum erforschen. Die erfrischende Offenheit der Hochschule ist eine herzliche Einladung zum Selbstdenken.

Das klingt nach einem großartigen Ort? Du kannst ihm heute noch ganz persönlich ein Denkmal setzen.

Hier erfährst du,
wie es geht

Was in der traditionellen Auseinandersetzung mit Religion ein Tabu sein mag, ist an der Hochschule willkommen: ein kritischer Blick auf die Quellen, auf denen die Religion beruht. Kein Wunder, dass den Gründern ein vielfältiges Lehrerkollegium wichtig ist. In der ersten Besetzung sind alle Strömungen des Judentums repräsentiert. Und die Studierenden? Ob Mann oder Frau, Jude oder Nicht-Jude – studieren darf, wen die Neugier treibt. Diese unbedingte Freiheit von Forschung und Lehre findet sich auch in den Statuten der Hochschule wieder:

„Unabhängigkeit erscheint als eine der wesentlichsten Grundlagen für das Gedeihen einer solchen Anstalt, unabhängig von den Staats- und Gemeinde-Behörden, damit auch unabhängig von jeglicher Parteibestrebung, unabhängig von den gespaltenen und vorübergehenden Meinungen, kann sie nur in dem reinen Streben nach wahrer Erkenntniss wahrhaft blühen und für den Fortbestand und Fortentwicklung des Judenthums edle Früchte tragen.“

Studierende der Hochschule
Exkurs

Frauen an der Hochschule

Ist das zu Anfang des 20. Jahrhunderts etwas Besonderes?

In Preußen dürfen Frauen seit 1908 studieren. Als private Einrichtung müsste sich die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums daran jedoch nicht halten. Tut sie aber. Frauen können sich an der Hochschule u.a. zu Religionslehrerinnen ausbilden lassen. Das ist zu dieser Zeit allemal etwas Besonderes.

Intellektuelle Heimat

E

in Ort, der alle Studierenden willkommen heißt, braucht vor allem eins – einen Ort, der bleibt. Das Jahr 1907 ist ein ausgezeichnetes, um sich an der Hochschule einzuschreiben: Sie bekommt ihr eigenes Gebäude in der heutigen Tucholskystraße 9 in Berlin. Ihre unverkennbare Fassade kannst du auch heute noch anschauen.

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Klick die Fotos!

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Bis dahin war die Hochschule mal hier, mal da und, ehrlich gesagt, mehr schlecht als recht untergebracht. Der Einzug ins eigens für sie errichtete Gebäude in der damaligen Artilleriestraße ist ein Grund zu feiern.

Womit sich die klugen Köpfe füllen

Erfahre, welche Studienfächer es gibt, welche Berufe den Studierenden danach offenstehen, welche Professoren auf sie warten und lerne ein paar von ihren Mitstudierenden kennen.

Ismar Elbogen unterrichtet Studierende

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Semester-
wochenstunden

16

Fächer

Talmud? , Bibel, Geschichte, Religionsphilosophie,
Homiletik? , Religionsunterricht

Vorbereitungskurse

Griechisch, Latein, Deutsch,
Mathematik

Sprachkurse

Hebräisch

spätere Berufsprofile

Rabbinat? , Seelsorge, Lehramt,
Wissenschaft, Journalismus

Studierendenausweis von Wolfgang Hamburger

Exkurs

Warum ist es notwendig, gleichzeitig an der Berliner Universität zu studieren?

Kurz gesagt: Damit die Studierenden eine ganzheitliche Bildung erhalten – auch „Humboldtsches Bildungsideal“ genannt. Leo Baeck ist zu Studienzeiten gleichzeitig an der Hochschule und an der Berliner Universität eingeschrieben. Während er für sein Rabbinatsexamen lernt, macht er parallel seinen Doktor in Philosophie. Wie anstrengend das gewesen sein muss, können Studierende wohl auch heute noch gut nachempfinden. Apropos, heute – die Berliner Universität sagt dir vermutlich unter ihrem aktuellen Namen mehr: Humboldt-Universität.

Steckbrief Studium: Das müssen Studierende wissen

Wer an der Hochschule studieren will, muss gleichzeitig Kurse an der Berliner Universität belegen. Oder aber man verzichtet dankend auf Prüfungen und nimmt als außerordentlicher Hörer an Vorlesungen Teil, so wie zum Beispiel Franz Kafka. In aller Regel sieht ein Studium allerdings so aus wie auf der Übersicht oben links.

All dies ändert sich grundlegend in den 1930er Jahren. Dann nämlich kann man an der Hochschule so gut wie alle Fächer studieren, die eine reguläre Universität auch im Angebot hat. Die Gründe dafür – politischer Druck und Verfolgung – sind leider unerfreulich. Doch dazu später mehr.

Viele schlaue Köpfe prägen die Hochschule.

Leo Baeck

Baecks Biografie ist lang und eindrucksvoll und würde an dieser Stelle zu weit führen. Was Studierende schnell in Erfahrung bringen: Dieser Mann ist beschäftigt. Neben seiner Tätigkeit als Dozent, arbeitet er als Rabbiner, als Seelsorger, als Schriftsteller, Vorsitzender von Vereinen, als Redner und Verhandler … Er selbst hat an der Hochschule studiert. Nun unterrichtet er die Kunst des Predigens.
Zur Biografie

Ismar Elbogen

Ein wenig greifbarer ist Ismar Elbogen, der neue Studierende gern mal auf einen Kaffee einlädt und dafür bekannt ist, sich sehr um das Wohlergehen der Studierenden zu kümmern. 
Zur Biografie

Regina Jonas

Möchte Rabbinerin werden und ist darum an der Hochschule goldrichtig. Wenn auch ihrer Zeit voraus: Als Frau tatsächlich praktizieren zu dürfen, wird sie sich hart erarbeiten müssen – aber schaffen. Und zwar als erste Rabbinerin weltweit.
Zur Biografie

Heinrich Loewe

Studiert in den 1890ern an der Hochschule und freundet sich mit der Bibliothekarin, Jenny Wilde, an. Das muss Eindruck hinterlassen. Bücher und Bibliotheken werden seine Biografie prägen. Sein Wissen zu Bibliotheken wird er später einsetzen, um das Bibliothekswesen in Israel aufzubauen. 
Zur Biografie

Abraham Joshua Heschel

Lernt von Leo Baeck und Ismar Elbogen, bis er schließlich selbst Dozent für den Talmud wird. Seine Religionsphilosophie dreht sich um ethische Fragen. Zu seinen Freunden wird später auch Martin Luther King gehören, den er in der Bürgerrechtsbewegung unterstützt. Auch zum Vietnamkrieg wird er sich klar positionieren. Und zwar dagegen. 
Zur Biografie

Fritz Bamberger

Studiert in den 1920ern an der Hochschule und arbeitet später als Kollege von Jenny Wilde in der Bibliothek. Er verliert harte, aber auch warme Worte über die Bibliothekarin.
Zur Biografie

Was die Gemüter erhitzt

Wer den gesellschaftlichen Kurs mitbestimmen will, darf keine Angst vor Gegenwind haben. Denn wissenschaftlich arbeiten heißt auch, sich in den intellektuellen Schlagabtausch zu begeben. Die Dozierenden und Studierenden der Hochschule streiten herrlich gern. Sie setzen neue Maßstäbe zur Rolle der Frau oder sagen Fake News und Vorurteilen den Kampf an.

Was die Menschen der Hochschule in ihrer wissenschaftlichen Arbeit bewegt, lässt sich am besten anhand ihrer Veröffentlichungen nachvollziehen.

Oder auch an der Forschungsliteratur, die sich in ihrer Bibliothek befindet. Ein paar Beispiele:

Alte Bücher, aktuelle Themen? Davon gibt es noch mehr – aber dazu brauchen wir dich!

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Klick mich!

Joseph Samuel Bloch

Des k. k. Prof. Rohling neuste Fälschungen

Der Titel des Buches geht auf August Rohling zurück, ein deutscher katholischer Theologe, der seine stark antisemitischen Ansichten gern auch publizierte. Der österreichisch-ungarische Rabbiner, Journalist und Politiker Joseph Samuel Bloch hält dagegen. Der „Rohling-Bloch-Streit“ in aller Kürze: Rohling stützt seine antisemitischen Ansichten auf angebliche Kenntnisse der hebräischen Sprachen und der jüdischen religiösen Texte. Bloch zweifelt diese Kenntnisse an. Zu Recht! In einem, von Bloch provozierten, Gerichtsprozess wird deutlich, dass Rohling weder die hebräische Sprache, noch die jüdischen Texte so gut beherrscht, wie er behauptet hatte. Seine diffamierenden Darstellungen verlieren ihr Fundament. Die Debatte zeigt: Falschinformationen können zu schwerwiegenden Vorurteilen führen. Es kostet Aufmerksamkeit, sie zu hinterfragen und Beharrlichkeit sowie fundiertes Wissen, sie zu enttarnen.

 

1883

LEO BAECK

Das Wesen des Judentums

Baecks Werk erklärt das Judentum und verteidigt es in einem Atemzug gegen Vorurteile und Fehlinterpretationen. Der Titel ist eine Reaktion auf „Das Wesen des Christentums“ von Adolf von Harnack, an dem Baeck eine ungenaue und abwertende Darstellung des Judentums kritisiert. In seiner Publikation wiederum betont Leo Baeck die moralische und spirituelle Tiefe des Judentums, seine Bedeutung für das individuelle Leben und seine zentrale Rolle in der Geschichte und Kultur des jüdischen Volkes. Er argumentiert auch gegen die Vorstellung, dass das Judentum eine veraltete Religion sei, die durch das Christentum überwunden oder ersetzt worden sei. Im Gegenteil, er stellt das Judentum als eine lebendige und dynamische Religion dar, die immer noch relevant und bedeutungsvoll ist. Auf diese Weise kämpft „Das Wesen des Judentums“ gegen Fremdzuschreibungen und Vorurteile – ein starkes Plädoyer für das Verständnis und den Respekt des Judentums in seiner ganzen Tiefe und Komplexität.

 

1905

Martin Buber

Ich und Du

Der österreichisch-israelische jüdische Philosoph und Pädagoge wird einen bedeutenden Einfluss auf das moderne Denken über Religion, Philosophie und Ethik haben. In seinem Werk „Ich und Du“ stellt er zwei grundlegenden Haltungen vor, wie wir die Welt und andere Menschen erfassen können. In „Ich-Es“-Beziehung betrachten wir unser Gegenüber als Objekt, das wir benutzen oder manipulieren können. Diese Sichtweise kreiert Distanz und Entfremdung. Begeben wir uns hingegen in eine „Ich-Du“-Beziehung betrachten wir das Gegenüber als einzigartiges und unersetzliches „Du“, dem wir mit Respekt und Ehrfurcht begegnen. Präsenz, Begegnung und Nähe sind hier ausschlaggebend. Martin Bubers Philosophie ist für den Austausch verschiedener Religionen untereinander bedeutend. Es gehe nicht nur darum, sich auf intellektueller Ebene auszutauschen, sondern um die Bereitschaft, zuzuhören und sich vom Anderen berühren und verändern zu lassen.

 

1923

Regina Jonas

Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?

Die Antwort ihrer Dissertation lautet verkürzt gesagt: Ja! Sie argumentiert, dass Frauen das Recht haben sollten, das Rabbinat zu bekleiden und führt dazu biblische und talmudische Beispiele von Frauen an, die genau das bereits taten. Mitgefühl, soziale Fähigkeiten, psychologische Intuition und Zugänglichkeit für die Jugend seien weibliche Attribute, die das Rabbinat brauche. Jonas beharrt dabei nicht auf einer Abkehr von jüdischen Gesetzen und Traditionen, sondern leitet die Gleichstellung der Geschlechter aus eben diesen jüdischen Rechtsquellen ab. Ihre Arbeit zeigt, dass es möglich ist, traditionelle religiöse Autorität anzuerkennen und gleichzeitig für soziale Veränderung und Fortschritt zu arbeiten. Und dass Frauen nicht nur das Recht, sondern auch die Fähigkeit und die Kompetenz haben, um in religiösen Rollen erfolgreich zu sein.

 

1930

Abraham Joshua Heschel

Die Prophetie

Heschel setzt sich mit der Natur und Funktion biblische Propheten? auseinander. Propheten seien Individuen, die eine tiefe und transformative Begegnung mit dem Göttlichen erlebt haben. Diese Erfahrung motiviere sie, das Wort Gottes zu verkünden und gegen Ungerechtigkeit und Unrecht zu protestieren. Er sieht sie nicht nur als Visionäre, sondern auch als moralische Kritiker, zum Beispiel gegenüber politischen und religiösen Führern ihrer Zeit. Mitgefühl für die Leidenden sei ein zentraler Bestandteil der prophetischen Berufung und Botschaften. Heute müssen wir das Buch natürlich in seinem historischen und kulturellen Kontext betrachten. Heschels Interpretationen über die Beziehung zwischen Religion und Ethik, über soziale Gerechtigkeit und Mitgefühl berühren jedoch ohne Zweifel auch unsere Gegenwart.

 

1936

Ein seltenes Gut: Hochschulalltag

Was für eine ungestörte Lernidylle, nicht wahr? Aber vergessen wir nicht: Alles, was du bis hierher gesehen hast, ist ein Mosaik aus Momentaufnahmen, das die Hochschule fernab von Ausnahmezuständen zeigt. Und davon gab es zu Anfang des 20. Jahrhunderts viele und gewaltige – wie den Ersten Weltkrieg oder die Weltwirtschaftskrise. Doch der grausamste Schicksalsschlag steht der Hochschule noch bevor.

Wenn dich das Lesevergnügen in die Library of Lost Books gebracht hat, dann kannst du dich in unserem Lesesaal ganz in Ruhe und ausführlich mit dem liberalen Judentum, mit den Biografien der Dozierenden und Studierenden sowie mit der Historie der Hochschule beschäftigen.

Und noch ein wenig in dieser Welt des Aufbruchs verweilen, bevor wir zum tragischsten Umbruch der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums kommen.

 

Zum Lesesaal

1872

Gründung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums: Der Lehrbetrieb findet bis 1907 in beengten vorläufigen Unterkünften statt.

1883

Die Hochschule muss sich „Lehranstalt“ nennen. Um eine private Schenkung erhalten zu können, braucht die Hochschule eine Genehmigung vom Staat. Dieser unterzieht die Hochschule einer strengen Prüfung und verweigert ihr schließlich die Gleichwertigkeit mit einer Universität. Die einzige gute Nachricht: Die Schenkung darf die „Lehranstalt“ nun annehmen.

1894/95

Leo Baeck studiert an der Hochschule.

1895

Jenny Wilde wird zur Bibliothekarin ausgebildet.

1907

Umzug in die Artilleriestraße 14, heute Tucholskystraße 9

1910

Jenny Wilde beginnt ihr Arbeit in der Hochschulbibliothek.

1913

Leo Baeck beginnt, an der Hochschule zu lehren.

1914 (bis 1918)

Beginn Erster Weltkrieg.

1923

Weltwirtschaftskrise Die „Lehranstalt“ darf sich wieder Hochschule nennen. Nach Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise beginnt ein Jahrzehnt des Wachstums.